Leitbilder im Wandel

Blick zurück: von der fürsorglichen Verwahrung zu Förderung und Rehabilitation

Im 19. und in Teilen des 20. Jahrhunderts herrschte die Meinung, Menschen mit geistiger Behinderung seien „bildungsunfähig“. Noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war in unserem Land die Unterbringung geistig behinderter Menschen in besonderen Institutionen (oft psychiatrischen Anstalten) die Regel. Die Vorstellung vom geistig behinderten Menschen sowohl in der Gesellschaft als auch in Fachkreisen war geprägt von einem defektorientierten Grundmodell.
Im Mittelpunkt der Betrachtung standen die Defizite, nicht die noch vorhandenen Möglichkeiten. Die einzelnen Personen wurden im Grunde für ihren „Defekt“ selbst verantwortlich gemacht und damit alleingelassen.
Zu dieser Zeit verwendeten selbst Fachleute viel Mühe und Zeit darauf zu beschreiben, inwiefern der Mensch mit Behinderung in seinen kognitiven Fähigkeiten, aber auch in manchen Persönlichkeitsdimensionen vom „Normalen“ abweiche.

Schulische Bildung war für behinderte Kinder noch in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein unerreichbares Ziel. Unter Bildung verstand man damals Lesen, Rechnen und Schreiben, und Menschen mit Behinderung wurden für unfähig gehalten, diese Kulturtechniken zu erlernen.
Erst durch die Erweiterung des Bildungsbegriffes auf „praktische Bildbar­keit“ war es möglich zu vermitteln, dass auch Kinder mit Behinderung aus schulischer Bildung großen Nutzen ziehen könnten.
Als dieser Durchbruch endlich geschafft war, durften spezielle Institutionen (Sonderschulen) nach Schaffung der gesetzlichen Grundlagen nun für diesen Zweck gegründet werden. Auch die Möglichkeit der Erziehung und Bildung von Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung wurde erkannt, so dass sie in Sonderschulen und Förderbereiche der Werkstätten aufgenommen werden konnten.

Weiterhin setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch erwachsene Menschen mit Behinderung tätig sein wollen und können. Sie möchten sinn­volle Arbeit leisten, gebraucht werden, zeigen, was sie können und dafür Anerkennung erfahren. Dafür ist es wichtig, einen zweiten Lebensraum außerhalb der Familie zu haben – einen Ort, um anderen zu begegnen und zu ihnen Beziehungen aufnehmen oder sogar Freundschaften knüpfen zu können.
Die ersten Schritte in das Arbeitsleben fanden zunächst in kleinen Bastel­stuben mit Wohnstubencharakter statt, in denen Eigenprodukte angefertigt wurden. Bald schon entwickelten sich jedoch unter dem Engagement von Selbsthilfeorganisationen wie den Lebenshilfevereinigungen daraus Werk­stätten für Behinderte mit industrieller Fertigung und anspruchsvollerer Arbeit.

Normalisierung und Integration als Leitbilder der Behindertenhilfe

Ende der 70er Jahre geriet zunehmend die Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt in das Blickfeld. Be-hindert kann man auch durch fehlende Unterstützung werden. Unterstützungsmöglichkeiten zu schaffen wurde zunehmend als gesellschaftliche Aufgabe gesehen. Behindertenverbände kämpften dafür, die gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Normalisierung – ein Leitbild, das in den skandinavischen Ländern entwickelt worden war und in den 80er Jahren auch bei uns breite Wirkung entfaltete – bedeutete, auch Menschen mit Behinderung ein Leben „so normal wie möglich“ zu ermöglichen. Dieses Prinzip hatten sich bereits die Gründer der Lebenshilfe zu eigen gemacht und waren damit ihrer Zeit voraus.

Integration sollte nach den Vorstellungen dieser engagierten Mütter und Väter durch den Besuch spezieller Einrichtungen erfolgen, wie Sonderkindergärten, Schulen, Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Darin sahen sie die besten Chancen für ihre Angehörigen, sich ungehindert zu entfalten und doch liebevoll umsorgt zu werden. Die Gesellschaft dieser Zeit schien noch nicht fähig und bereit zu sein, mehr Menschen mit geistiger Behinderung in Regeleinrichtungen aufzunehmen.
Es bedarf auch heute noch großer Anstrengungen, um für Menschen mit Behinderung den Weg hinein in Nachbarschaft, Vereine, Firmen zu bahnen und dabei Barrieren abzubauen. „Mitten drin und voll dabei“ wollen Menschen mit Behinderung sein. Sie sind es bereits innerhalb ihrer eigenen Lebenshilfe-Einrichtungen.

Wer je gesehen hat, mit welcher Leidenschaft die Menschen arbeiten, wie offen sie auf andere zugehen, wie rücksichtsvoll und feinfühlig sie mit Kollegen, aber auch mit Betreuern und anderen Bezugspersonen umgehen, mit welch absoluter Lebenslust und Hingabe an den Augenblick sie zu feiern verstehen, fragt sich, warum es so schwierig, langwierig und mühevoll ist, eine vollständige gesellschaftliche Akzeptanz und selbstverständliche Integration zu erreichen.

Von der Selbstbestimmung zur Teilhabe / Inklusion

In den USA wurden neue Leitbilder der Behindertenhilfe entwickelt und erlangten auch bei uns zunehmend Einfluss. Menschen mit Behinderung wollen selbst ihr Leben gestalten, möchten die Abhängigkeit von den Entscheidungen anderer verringern und zwischen verschiedenen geeigneten und erreichbaren Hilfsmöglichkeiten wählen können. Ihre Betreuer sollen die Funktion eines Begleiters einnehmen, der sie in ihren Vorhaben unterstützt.

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe nahm diese Impulse auf und sorgte 1994 mit ihrem Kongress „Ich weiß doch selbst, was ich will“ für eine Verbreitung dieser Sichtweise. Die später entwickelten Assistenzmodelle und das 2008 bundesweit eingeführte Persönliche Budget tragen diesen Wünschen nach Selbstbestimmung Rechnung. So hat sich mit tatkräftiger Unterstützung von Selbsthilfeorganisationen wie der Lebenshilfe in den vergangenen 50 Jahren ein grundlegender Rollenwandel des Menschen mit Behinderung vollzogen: Er wurde vom „Leistungsempfänger“ und „Objekt staatlicher Fürsorge“ zum Bestimmer und Koordinator der von ihm ausgewählten und für ihn maßgeschneiderten Assistenzleistung.